Die körperlich-emotionalen Nachwirkungen von Krieg sind noch immer an allen Ecken und Enden spürbar und den allermeisten Menschen nicht bewusst. 

Durch die Ereignisse der letzten Tage ist Krieg auf einmal wieder in greifbare Nähe gerückt. Wir in unserer Generation und in unseren Breitengraden kennen ihn ja nur aus den Geschichtsbüchern und vielleicht aus den Erzählungen von Oma und Opa.

Und auch wenn ich mich jetzt vielleicht weit aus dem Fenster lehne: 

Ich bin davon überzeugt, dass unsere gesamte Gesellschaft noch von den Nachwirkungen des Krieges geprägt ist. 

Was mich zu dieser Überzeugung bringt, das versuch ich hier in Worte zu fassen. Falls du Fragen hast, eine andere Ansicht oder etwas nicht verstehst, hinterlass mir sehr gerne einen Kommentar oder eine Nachricht.

Krieg erzeugt Trauma

Darüber lässt sich nicht diskutieren. Krieg ist ein absolut lebensbedrohlicher Zustand, der zu plötzlichen Todesfällen, verschwundenen Familienmitgliedern, Flucht, Hunger und Verlust der gesamten Existenz führt. Mal ganz abgesehen davon, dass von normalen und friedlichen Männern plötzlich das Töten verlangt wird. 

Diese ganzen Umstände führen nachhaltig zu riesengroßer Angst und Unsicherheit. Jegliches Vertrauen ins Leben geht verloren. 

Evolutionär gesehen haben wir drei Möglichkeiten, auf lebensbedrohliche Situationen zu reagieren. 

Kampf, Flucht und Totstellen. 

Letzteres kommt (im Tierreich) erst zum Einsatz, wenn Kampf oder Flucht nicht mehr möglich sind. 

Bei uns Menschen kommt es schon zum Einsatz, wenn die Situation emotional zu herausfordernd ist. 

Wir dissoziieren. 

Der Körper ist anwesend, aber wir fühlen nichts mehr. Weder Schmerzen, noch Emotionen. 

Im Körper wird abgespeichert, dass es sicherer ist, nichts zu fühlen. Denn nur so kann das eigene Überleben garantiert werden. 

Epigenetische Vererbung

Nun kommt die Epigenetik ins Spiel. (Das hier wird jetzt keine wissenschaftliche Abhandlung über die Erkenntnisse der Epigenetik, sondern nur eine sehr vereinfachte Übertragung.) 

Inzwischen gibt es einige Forschungen, die belegen, dass überlebenssichernde Programme von Generation zu Generation über die epigenetischen Strukturen weitergegeben werden. 

Ich verwende ganz gern folgendes Bild:

Jede Generation hat ihre Erkenntnisse, mit denen sie es geschafft hat, das eigene Überleben zu sichern. Das wird quasi in einem Rucksack an die nächste Generation weitergegeben. “Hier, das ist wichtig, dass du überleben kannst.”
Und zwar nicht nur in der Erziehung und den mündlich erteilten Ratschlägen, sondern auf Zellebene. 

Unsere Gesellschaft hier und heute

Und jetzt mach ich einen Sprung. 

Schauen wir mal in unsere Gesellschaft.

  • Was ist wichtig und was zählt?  – Der Verstand, die Leistung, der messbare Erfolg. 
  • Wie viele Menschen gibt es, die keinen Kontakt zu sich und ihrem Körper haben?
  • Wie viele Menschen gibt es, die überfordert damit sind, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen?

Wir sind die Enkel einer Generation, die sich gegen das Fühlen entschieden hat – aus Sicherheitsgründen. 

Und wir sind die Kinder einer Generation, die in einem Feld von unterdrückten Gefühlen aufgewachsen sind. Wo es nur um die materielle Sicherheit ging. 

“Hauptsache, wir haben was zu essen und ein Dach über dem Kopf.”

Ich geh noch einen Schritt weiter:

Eltern, die sich selbst nicht fühlen und spüren, können auch ihre Kinder nicht fühlen und spüren. 

Und sie können sie emotional nicht in einer Art und Weise versorgen, wie Kinder es brauchen würden.
Gibt es keinen Raum für Reflektion der eigenen Vergangenheit und dadurch Heilung, wird alles immer und immer wieder an die nächste Generation weitergegeben. 

Der Krieg, obwohl er (Kalter Krieg ausgenommen) hier schon fast 80 Jahre her ist, hat aus uns heute emotional unterversorgte und ausgehungerte Menschen gemacht. 

Er hat Generationen erschaffen, die den Kontakt zum eigenen Körper und den Gefühlen verloren haben. 

Krieg führt zum Verlust von innerer Sicherheit

Zum Schluss möchte ich noch einen Aspekt beleuchten, der extrem tiefgreifende Folgen in unserem Alltag hat.

Es geht um das Thema Sicherheit. Genau genommen: innere Sicherheit

Krieg führt dazu, dass sich die Menschen nicht mehr sicher fühlen. Nichts ist mehr berechenbar, es kann jederzeit alles zerstört werden, die Geschwister verschwinden oder sterben oder der Vater an der Front fallen. 

Der ganze Körper ist in Alarmbereitschaft, das Nervensystem die gesamte Zeit auf 180. 

Abschalten und entspannen ist entweder überhaupt nicht mehr möglich oder nur durch Dissoziation.

Durch die Dauer und Schwere der Erfahrungen bleiben die meisten Menschen auch nachher in dieser erhöhten Alarmbereitschaft. Wer einmal diese Unsicherheit und diese Bedrohung erfahren hat, fasst so schnell kein Vertrauen mehr ins Leben.

In diesem Zustand werden neue Familien gegründet. 

Kinder wachsen in einem Feld auf, in dem sich kein einziges Nervensystem jemals sicher fühlt. Und Kinder orientieren sich mit ihrem Nervensystem an den Nervensystemen der Erwachsenen. 

Die Folge: keine einzige Zelle dieses neu entstandenen Lebens kennt das Gefühl von innerer Sicherheit.

Hier nur ein paar Beispiele, wie sich das hier und heute in unserem Leben auswirken kann:

  • Alles muss kontrolliert werden und nach Plan ablaufen. Unvorhersehbarkeit oder Spontaneität fühlen sich gefährlich an. 
  • Es ist quasi unmöglich, sich voll und ganz auf eine Situation einzulassen – egal ob Job oder Beziehung. Irgendwo schwirrt immer dieser Gedanke, dass es ja gleich wieder vorbei sein könnte. 
  • Es entwickeln sich Angstzustände, Panikstörungen und Neurosen. 
  • Schlafstörungen
  • Überempfindlichkeit gegenüber Lärm und Geräuschen
  • Angst vor Veränderung, Weiterentwicklung, mutigen Schritten

Was das sonst noch mit unserer Gesellschaft macht, erfährst du in diesem Artikel von mir.

Übrigens:
es kann sein, dass die momentane Situation dazu führt, dass die Erlebnisse deiner Vorfahren in deinem System wieder aktiviert werden. 


Was heißt das?

Wie ich oben schon beschrieben habe, werden Gefühle, die nicht aufgearbeitet wurden, weitervererbt. 

Es können aber auch Erinnerungen weitergegeben werden. 

Immer wieder passiert es, dass Kinder oder Enkel sich plötzlich an Dinge erinnern, die sie selbst nie erlebt haben.

Wie äußert sich das?

  • es erscheinen Bilder vor dem inneren Auge von Situationen, in denen du selbst sicher nie warst
  • du träumst von Situationen, die du selbst nie erlebt hast
  • Bilder aus den Nachrichten oder Erzählungen von betroffenen Menschen lösen plötzlich eine Gefühlswelle (Angst, Traurigkeit, Wut) in dir aus – du fühlst dich davon überschwemmt 
  • du spürst, dass dein Nervensystem hochgefahren ist (schnellerer Herzschlag, Nervosität, innere Unruhe, Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen)

Was können wir tun?

Widmen wir uns unserem Körper und unseren Gefühlen. 

Wenn wir beginnen, uns wieder zu spüren und wieder ein Zugang zu unseren Gefühlen bekommen, dann haben wir die Chance, diese Vererbung zu unterbrechen. 

Beschäftigen wir uns mit den Geschichten unserer Vorfahren und fühlen uns ein in ihre Erfahrungen. 

Wenn wir die unterdrückten und ungefühlten Gefühle endlich wahrnehmen und unseren Eltern und Großeltern echtes emotionales Verständnis für ihre Situation und ihr daraus resultierendes Verhalten entgegenbringen, dann entsteht eine neue Art von Beziehung innerhalb der Familien und auch zu unseren Mitmenschen. 

Die momentane Situation bietet auch eine wunderbare Möglichkeit, unsere Vorfahren nach ihren Erlebnissen und Erinnerungen zu fragen und dadurch einerseits in einen Austausch zu kommen und andererseits uns die Chance zu geben, unsere eigenen Gefühle besser einzuordnen.

Bewusstheit schafft Veränderung.
Wenn wir erkennen, welche Programme in uns noch immer laufen, obwohl sie schon lange keine Berechtigung mehr haben, dann können wir etwas verändern. 

Dann beginnen wir, anders zu denken, anders zu fühlen und daraufhin auch anders zu handeln. 

So werden Muster durchbrochen. 

Und so hat unsere nächste Generation eine Chance auf Sicherheit, emotionale Verbundenheit, Gefühl und Körperbewusstsein.

Bist du von diesem Thema betroffen und wünschst dir Unterstützung?

Trau dich und vereinbare dir hier ein kostenfreies und unverbindliches Unterstützungs-Gespräch mit mir. 

Literatur, die mich sehr inspiriert hat

  • Sabine Bode – Die vergessene Generation
  • Sabine Bode – Kriegsenkel
  • Mark Wolynn – Dieser Schmerz ist nicht meiner
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