Vor einiger Zeit hatte ich eine Woche mit vielen Coaching-Gesprächen. Das Besondere: in drei Sessions wurden mir Fragen gestellt, die mir seit Jahren immer wieder gestellt werden. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, sie einmal quasi „öffentlich“ zu beantworten. Heute geht es um das Thema Bedürfnisse. In diesem Fall war die Frage: „Ich spüre meine Bedürfnisse nicht. Was kann ich da tun?“. Die Antwort findest du hier in diesem Blogartikel. Und sie wird dich vielleicht überraschen. Und eventuell fühlst du dich auch ein bisschen ertappt. Aber das ist gut so. Denn dann kannst du auch direkt in die Veränderung starten.
Drei konkrete Beispiele zu Beginn
Eine Sängerin kommt zur ersten Probe mit dem Orchester. Sie hat ihr Stück in einem bestimmten Tempo geübt. Ein bisschen schneller und ein bisschen langsamer natürlich auch, um flexibel zu sein. Noch bevor das Stück geprobt wird, fragt die Dirigentin, ob sie gerne ein bestimmtes Tempo für das Stück hätte. Die Sängerin sagt: „ich bin flexibel.“
Das Vorspiel beginnt… und es ist sehr viel langsamer, als sie es zu Hause geprobt hat. Doch die Sängerin sagt nichts und singt.
Eine Vortragende soll einen dreistündigen Vortrag halten. Abgesprochen war eine Pause von dreißig Minuten nach ungefähr der Hälfte der Zeit. Kurz vor Beginn des Vortrags eröffnet die Organisatorin, dass es eine Anschlussveranstaltung gibt und dass die Pause leider gestrichen werden muss oder dass der Vortrag nur zweieinhalb Stunden dauern darf. Ob das eh ok sei, fragt sie. „Ja, klar!“ antwortet die Vortragende.
Meine Klientin loggt sich in Zoom zu unserer Session ein. Sie sieht nicht gut aus. Am Tag zuvor hat sie mir noch eine Sprachnachricht geschickt, in der sie schon berichtet hat, dass sie am Krankwerden ist. In dieser Sprachnachricht erzählt sie von einer Verabredung, bei der sie nicht wusste, ob sie hingehen will oder nicht. Ihre Aussage: „Ich spüre einfach meine Bedürfnisse nicht. Und dann weiß ich nicht, was ich will.“
Also frage ich sie: „Willst du lieber die Session machen oder willst du lieber schlafen?“ Sie antwortet innerhalb von Sekunden: „Schlafen!“
Wir sagen die Session ab und vereinbaren einen neuen Termin.
Liegt es wirklich am Spüren der Bedürfnisse?
Meine Vermutung stand schon bei der Sprachnachricht. Wahrscheinlich ist das Problem nicht, dass sie ihre Bedürfnisse nicht spürt, sondern dass sie sie nicht ernst nimmt, sie nicht ausspricht und nicht dafür einsteht. Meine einfache Frage hat genau diese Vermutung bestätigt. Denn sie konnte in Sekunden ihr Bedürfnis benennen.
Warum war es meiner Klientin so einfach möglich, das zu tun, obwohl sie doch noch behauptet hat, ihre Bedürfnisse gar nicht zu spüren? Weil ich sie explizit dazu eingeladen habe. Und weil sie schon die Erfahrung hatte, das in meinen Räumen alles ok ist. Dass ich jedes Bedürfnis akzeptiere, es nie persönlich nehme und wir gemeinsam eine gute Lösung finden.
Natürlich gibt es auch Menschen, die ihre eigenen Bedürfnisse gar nicht wahrnehmen. Doch dann ist der Ansatz ein völlig anderer. Dann geht es darum, im Alltag wieder in Kontakt zum eigenen Körper zu kommen. Darüber gibt es schon diesen Artikel von mir: „Körperbewusstsein aufbauen: So gewinnst du Selbstbewusstsein und Selbstliebe“.
Doch in all diesen Fällen, die ich oben beschrieben habe, geht es um etwas anderes.
Nicht spüren ist sicherer
Bei meiner Klientin kann ich es mit Sicherheit sagen (weil wir darüber gesprochen haben) und bei den anderen beiden wirkt vermutlich der gleiche Mechanismus: Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und das vermeintliche Nicht-Wahrnehmen von Bedürfnissen sind Schutzmechanismen.
Die Logik dahinter: es ist sicherer, wenn ich flexibel bin, mich anpasse oder glaube, nichts zu spüren, denn dann muss ich mich nicht in eine potentielle Konfliktsituation begeben. Wenn die befürchteten oder erwarteten Konsequenzen so unangenehm sind, dass wir sie nicht tragen wollen, findet unser System gerne einen angenehmeren Ausweg.
Wir erzählen uns, dass wir nichts spüren, dass wir gerne flexibel sind und dass für uns manche Dinge einfach nicht so wichtig sind. Doch eigentlich drücken wir da unsere eigenen Bedürfnisse weg und vermeiden, für uns einzustehen.
Denn die Befürchtung ist riesig, dass uns jemand für kompliziert halten könnte, dass jemand enttäuscht, beleidigt, überfordert oder mit unangenehmen Gefühlen konfrontiert ist, weil wir jetzt unsere Bedürfnisse äußern und vielleicht sogar noch für sie einstehen. Und dann vermeiden wir das lieber.
Und was nun?
Schritt 1: Sei ehrlich zu dir selbst. Wo stehst du? Spürst du tatsächlich deine Bedürfnisse nicht, dann empfehle ich dir diesen Abschnitt aus meinem oben genannten Blogartikel: „Körperbewusstsein trainieren – dein 3-Schritte-Plan“
Schritt 2: Wenn du sie jedoch spürst, dann geht es darum, sie auch ernst zu nehmen. Das kannst du erstmal mit dir selbst üben. Indem du dir – so wie ich bei meiner Klientin – eine entweder-oder-Frage stellst. Will ich lieber das oder lieber das? Und dann übst du natürlich auch mit anderen Menschen. Aber auch dort musst DU dir die Fragen selbst stellen, denn die wenigsten Menschen werden es tun. Und es ist wichtig, dass du aufhörst, dir die alte Geschichte (flexibel sein, anpassen oder nichts spüren) zu erzählen. Denn damit lenkst du dich selbst vom Kern ab.
Schritt 3: Sobald du mit anderen Menschen übst (was ich dir sehr bald empfehlen würde, weil da ja die größte Herausforderung liegt), wirst du vermutlich auf einige Hürden stoßen. Aus meiner Erfahrung ist es hilfreich, mit den Anteilen in Kontakt zu gehen, die dich da bisher in der Vermeidung halten. Denn von ihnen erfährst du, woher diese Prägung kommt und was sie brauchen, dass sie dich im Alltag nun einen neuen Weg gehen lassen können. Wenn du dir dazu eine gute Anleitung wünschst, dann leg ich dir mein Buch „Authentisch statt angepasst – Wie du People Pleasing erkennst, überwindest und endlich DU SELBST wirst“ ans Herz.
Schritt 4: Dieser Weg ist kein Strandspaziergang. Da hab ich sogar eine Postkarte dazu gestaltet. Es werden viele Gefühle in dir zum Vorschein kommen. Je mehr du bereit bist, diese Gefühle zu halten (also zu fühlen und durch dich durchfließen zu lassen – großer Unterschied zu aushalten!), umso normaler wird es für dich werden, dass du für dich einstehst.

Was hat das mit deiner Stimme zu tun?
Es gibt immer eine Wechselwirkung zwischen deiner Prägung, deinem Verhalten und deiner Stimme. Je stärker du diese Prägung in dir trägst, also je schwerer es dir fällt, für dich einzustehen, umso mehr leidet deine natürliche Stimmkraft darunter.
Denn diese Verbindung zu dir selbst und diese innere Erlaubnis, dich wichtig zu nehmen, für dich einzustehen, Raum einzunehmen und diesen auch zu verteidigen, führt automatisch dazu, dass sich deine Stimme aus deinem Körper mehr Präsenz, mehr Raum und auch mehr Kraft holen kann. Deshalb arbeite ich mit Menschen, die ein Thema mit Lautstärke, Stimmkraft oder Präsenz haben, auch immer erstmal daran, dass sie lernen, für sich einzustehen. Denn damit löst sich aus meiner Erfahrung schon mindestens die Hälfte der Herausforderung in Luft auf.
Es heißt ja nicht umsonst: die Stimme erheben, eine Stimme haben, die Stimme verlieren etc.
Deine Möglichkeiten
Wenn du dich alleine auf den Weg machen willst, dann hol dir gern mein Buch zur Unterstützung.
Falls du dir jedoch Unterstützung für diese Reise (aka wilder Ritt) holen willst, dann kannst du dir ein kostenloses Kennenlernen mit mir vereinbaren.
Und falls du gleich deine Stimme mit ins Boot holen willst, kannst du auch einen der fünf kostenfreien Stimm-Profiling-Slots in Anspruch nehmen. Dafür schickst du mir eine Aufnahme (gesprochen oder gesungen) und bekommst von mir eine Einschätzung, welche emotionalen Themen und Prägungen dich noch in deiner Stimme blockieren. Das ist nämlich meine (etwas weirde) Superpower, dass ich das in den Stimmen von Menschen hören kann. Falls du dich dafür interessierst, schreib mir einfach direkt an: befreit@generose-sehr.com
Egal wie – die Reise lohnt sich auf jeden Fall. Das kann ich dir versprechen.

Generose Sehr
Sängerin, Stimm-Profilerin und Visionärin
Ich höre in Stimmen die emotionalen Prägungen und Konditionierungen von Menschen. Und ich begleite sie dabei, zurück zu sich und ihrer eigenen Stimme, Wirkung und Präsenz zu finden.
Mein Credo: Technik berührt nicht – Persönlichkeit schon!
Die meisten Menschen, die sich mit ihrer Stimme beschäftigen, arbeiten an Stimmtechnik, Körpersprache und dem richtigen Auftreten. Doch jede Technik ist nur so gut wie der Boden auf den sie fällt. Und der Boden ist unsere innere Welt mit all unseren Prägungen und Konditionierungen. Wer sich (abseits aller Prägung und Konditionierung) wirklich mit dem ganzen Wesen ausdrückt und zeigt, ist einzigartig, wiedererkennbar und unersetzlich.
Mein Herz schlägt für Visionär*innen und Menschen, die das Gefühl haben, in unserer Gesellschaft, auf der Bühne, in der Businesswelt und manchmal auch in ihrem Leben fehl am Platz zu sein. Weil sie spüren, dass da noch so viel mehr möglich ist.
Ich selbst bin Entwicklungsjunkie und süchtig nach neuem Wissen und neuen Erfahrungen. Das hat dazu geführt, dass ich nach meinem Studium in Gesangspädagogik noch eine Ausbildung in Craniosaraler Körperarbeit und den Epigenetik Coach angehängt habe. Inzwischen bin ich bei IFS (Internal Family Systems) gelandet und da steht noch so einiges mehr auf der Liste.
Ich schreibe hier über Stimme, Körper, Emotionen und die Verbindung von all dem in unseren Alltag. Es geht um Bühnenpräsenz, Lampenfieber und Höchstleistungsfähigkeit (High Performance). Mein Wissen und meine Erfahrung in den Bereichen transgenerationale Vererbung und frühkindliche und pränatale Prägungen fließt immer mit ein. Außerdem erzähle ich gerne meine eigenen Geschichten (oder die meiner Klient*innen), um zu zeigen, wie wir den alltäglichen Herausforderungen der Bühne und des Lebens begegnen können.

0 Kommentare